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Regentropfen

Aktualisiert: 24. Juni


@ Unsplash

Du und ich, wir sind jenseits der Erde geboren.

Du und ich, wir sind Kinder von Schatten und Licht.

Du und ich, wir sind reine Seele.



Hoch oben im Himmel tanzten wir einst, leicht und unschuldig im Wind, erfüllt von unbändiger Freude, wie junge Regentropfen...


Wissende sind wir. Wissend, dass wir Quell des Lebens sind, wissend um den Ausdruck schöpferischer Hingabe, der wir sind, und wissend, dass die Erde erst durch unser Dasein Sinn und Bedeutung erhält.


Dort oben im Himmel erscheint sie uns von vollkommener Schönheit, die Erde, eine anmutige Oase im ansonsten dunklen, leeren und kalten Raum.


Auch dich, Reisende, lockt sie. Auch dir schenkt sie ein Gefühl voll warmer, liebender Geborgenheit, und freundlich lädt sie dich ein, zu ihr zu gehen, bei ihr anzukommen, bei ihr zu sein. Ja, endlich zu sein, endlich zu leben!


Sie sehnt sich so sehr, nach dir, der Seele der Welt! Und du wünschst dir doch im Grunde nichts anderes, als dich ihr hinzugeben, dich tief in sie hineinfallen zu lassen und bei ihr, mit ihr und in ihr zu sein. So gross, so stark ist euer beider Anziehung, so, wie sie nur von wahrhaftig Liebenden sein kann.


So machst du, kleiner Regentropfen, dich auf den Weg. Um dich mit ihr zu vereinigen bist du gewillt, dich aus der ewigen Einheit zu lösen. Du bist willens, alles zu vergessen. Und du bist gar willens, Form anzunehmen. So nimmst du, Seele der Welt, noch auf dem Weg, bereits Form an, nimmst Selbst an – und wirst einzigartig.


Behutsam nimmt sie dich auf, liebend, nährend, haltend. Ganz sanft öffnet sie sich dir, offenbart sie dir ihre Natur. Halt schenkt sie dir, und sie hält dich auch fest. Freiheit schenkt sie dir, und schränkt dich gleichermassen ein. Sie ist voller Schönheit, und zugleich dunkel und schwer. Sie scheint nicht, und doch strahlt sie, ist oberflächlich und scheint doch unergründlich tief zu sein. Die Erde könnte gegensätzlicher nicht sein…


Unzählige deiner Art haben sich im Laufe der Geschichte auf diesen Weg begeben, die Liebe zu erfahren. Wenige nur haben sie erkannt. Manche von den Deinigen werden dich warnen, alsbald du angekommen. Sie denken, die Erde sei ein Trugbild, nennen sie Maya, eine gefährliche Illusion.


Immer wieder vernimmst du die Geschichte, dass die Erde keine Liebende, keine Oase des Lebens, sondern ein Ort des Leidens, eine Quelle von Schmerz und die Heimat vom ewigen Kampfe sei. Und wenn du nicht achtgäbest, würdest du dich in ihr verlieren und dich unwiderruflich von dir selbst entfernen.


Aber solange deine Erinnerung noch frisch ist, kannst du diesen Geschichten nicht viel abgewinnen. Doch auch dir schenkt die Zeit unzählige Gelegenheiten, Kampf, Schmerz und Leid zu erfahren, und mit der Zeit lässt auch du diese Geschichten tief und tiefer in dein Herzen sickern…


Doch die Geschichten sind mächtig. So breitet sich, zäh wie Harz, das einen hilflosen, farbenprächtigen Käfer umhüllt, eine grosse Enttäuschung in dir aus. Sie schmerzt. In deinem tiefsten Inneren.


Damit du den Schmerz nicht fühlen musst, so wird dir gelehrt, brauchst du nur den Grund deiner Reise zu vergessen. Du wehrst dich dagegen, sträubst dich, doch eines Tages wird auch dir der Schmerz zu gross, und du lässt zu, dass die Geschichte dein Wissen, deine Wahrnehmung und deine Träume vernebelt. Ehe du dich versiehst, bist du selbst Teil von Maya, der grossen Täuschung geworden.


Von da an gräbst du mit den anderen Enttäuschten in der Erde nach Sinn und Bedeutung – weil du vergessen hast, dass du selbst Sinn und Bedeutung der Erde bist. Von diesem Tage an glaubst auch du, deine Bestimmung sei die Erde zu erobern – anstatt dich ihr zu verschenken.


In deiner Enttäuschung verloren, suchst du fortan nach Liebe – anstatt Liebe zu sein, und statt dich dem Leben hinzugeben, verschliesst du dich.


Mit einem Mal fürchtest du dich, Seele der Welt, zu sprudeln, fürchtest dich davor, formlos zu sein, fürchtest dich vor dem Unfassbaren, das du in Wahrheit bist, und hältst an deiner Form, an deinem kleinen Tropfendasein fest.


Du wirst hart und abweisend, unbeweglich und kalt, und so leidest du. Voller Angst vor deiner wahren Grösse, immer noch so schön wie ein glitzernder Regentropfen, doch steifgefroren liegst du da, auf ewig empfänglicher Erde. Doch nie Erde seiend, nie Pflanze seiend, nie Tier, nie Menschenwesen seiend. So sehr hast du dich entfremdet von deiner wahren Natur, dass du nur noch Leben sehen kannst – ohne es je wirklich zu erfahren.


Das ist, weswegen das Paradies dir so greifbar nahe und doch unerreichbar erscheint. Das ist, weswegen du das Licht brichst anstatt Licht zu sein, und weswegen du dich nach Lebendigkeit sehnst, anstatt deine eigene Lebendigkeit zu fühlen.


Das, Seele der Welt, ist der Grund, weswegen dich niemand mehr sehen kann, niemand mehr wahrnimmt und verehrt als das unfassbare, schöne, liebende, unendliche Wesen, das du in Wirklichkeit bist.


Kleiner Tropfen, erinnere dich! Solange du festhältst an deiner Form, solange lebst du nicht. Du vegetierst! Du schläfst! Doch selbst im Schlaf begegnest du deiner Sehnsucht, dein kleines Tropfendasein loszulassen, dich hinzugeben, und im Lieben vollkommen aufzugehen.


Erinnere dich daran, was du bist. Du bist nicht deine begrenzte Form, nein, du bist unendlicher Raum – welcher sich durch eine Form ausdrückt.


Du und ich, wir sind Regentropfen auf dem Weg zum Ozean.

Wir brauchen uns nicht zu fürchten.

Es ist alles gut.

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